Vom Problem zum Phänomen

Das methodische Hauptaugenmerk in der philosophischen Analyse und Therapie besteht auf der Hinwendung zum absolut Konkreten. Sowohl die Analyse als auch die darauf folgende Therapie wendet sich den konkreten Phänomenen zu, versteht sie sich doch aus der philosophischen Tradition der Phänomenologie heraus.

Der Phänomenologischen Auffassung nach hat jedes Phänomen, ja im weiteren Sinne jede Erscheinung, jede Handlung, jede Geste, jede Mimik ihre ganze Wahrheit, ihre Bedeutung und ihre Bedingung in sich selbst. Die phänomenologisch geführte philosophische Analyse bringt einen an den Punkt, an dem allein bei der Betrachtung eines einzelnen Phänomens die Denkweise des Betreffenden, seine Vorerfahrungen, Vormeinungen, seine Gewohnheiten, ja sein Moralkonzept und sein ethisches Selbstverständnis zutage treten.

Die Hinwendung zum Phänomen ist nicht die übliche Art und Weise, wie wir Menschen alltäglich unser Leben führen, unseren Beschäftigungen nachgehen und unser Geld verdienen. Daher bedarf eine solche Hinwendung eines genauen Anleitens, eines gewissen Trainings. All die immer schon gewussten Vormeinungen über bestimmte Personen oder Sachverhalte und all die immer schon gekannten Ausgänge der eigenen und fremden Handlungen und Situationen bedürfen eines Ausschaltens, eines Verblassens, eines bewussten Außerkraftsetzens, um an dasjenige Phänomen vorzudringen, das aktuell in Rede steht. Termini wie 'Ausbeuterkultur' oder 'Hinterwäldlergehabe' gelten nicht mehr, denn wir wollen das Phänomen zu fassen bekommen. Also müssen wir in die Anschauung gehen, alle Bewertungen sein lassen, wir müssen die Situation nachzeichnen, die auftretenden Personen und Objekte wieder zurück ins Bewusstsein holen und dadurch klären, ob es eine Geste oder Mimik des Gegenübers war, die den Betreffenden zu jener Emotion brachte oder ob es die Bewertung der Geste war und damit vom Betreffenden selbst ausgeht. Am Ende verlieren Begriffe wie Ausbeutung, Halsabschneider, Wichtigtuer und dergleichen an Inhalt und verblassen, werden weniger dynamisch, bedrohlich und üben keine Gewalt mehr aus auf den Betreffenden.

Der Vorteil, zum konkreten Phänomen durchzudringen, ist der, dass wir uns lösen von gesellschaftlich etablierten Werten und Bewertungen, wie Ausbeuter, Egoismus, Verlierer, Machtspiel und dergleichen und dahin kommen, wo diese Bewertungen eine ganz neue und zwar vom Betreffenden selbst bestimmte und kreierte Tragweite erhalten. Die philosophisch Therapie kennt keine 'Natur-Wert-gesetze'. Alle Bewertungen sind gewachsen, historisch und können zu jeder Zeit vom Individuum für sich selbst neu austariert werden.

Diese Neudefinition hat oftmals großen therapeutischen Nutzen, gerade dann und dadurch, wenn und dass der Betreffende sich in seiner Freiheit bestätigt und betätigt und sich als Schöpfer von Werten kennen lernt.

Martin Wende 

Tel.: 01520-5636943     

E-Mail: martin.wende@outlook.com

Sprechzeiten: Montag bis Sonntag

in Berlin, Kleinmachnow und Jüterbog